Dänemarks nördlichste Spitze
Ganz oben an der Spitze Jütlands, wo sich das Land zu einer schmalen Zunge aus Sand verjüngt, liegt Skagen. Die Stadt ist klein, doch sie nimmt einen fast mythischen Platz in der dänischen Seele ein: hier treffen zwei Meere aufeinander, hier ist das Licht anders, und hier fand eine ganze Generation von Malern ihr Motiv. Eine Reise nach Skagen ist eine Reise an den Rand Dänemarks — und zu etwas ganz Besonderem.
Grenen — wo Skagerrak und Kattegat sich treffen
Dänemarks nördlichster Punkt heißt Grenen, eine spitze Sandzunge, die ins Meer hinausragt. Hier treffen zwei Gewässer aufeinander: das Skagerrak aus dem Westen und das Kattegat aus dem Osten. Weil die beiden Strömungen sich in Stärke und Temperatur unterscheiden, kann man mit eigenen Augen eine deutliche Linie sehen, an der die Wellen aus entgegengesetzten Richtungen aufeinanderprallen. Man kann mit je einem Fuß in jedem Meer stehen — ein Bild, dem niemand widerstehen kann. Vom Parkplatz bringt der charakteristische Traktorbus namens Sandormen ("der Sandwurm") die Besucher bis zur äußersten Spitze, oder man geht den schönen Weg am Strand entlang.
Das Skagen-Licht und die Maler
Was die Künstler zuerst nach Skagen zog, war das Licht. Weil die Stadt auf drei Seiten von Meer umgeben ist, spiegelt sich das Sonnenlicht im Wasser und erzeugt ein klares, goldenes Leuchten, das Maler aus ganz Skandinavien einfangen wollten. Ab den 1870er Jahren ließ sich hier eine Gruppe von Künstlern nieder und wurde als die Skagen-Maler (Skagensmalerne) bekannt. Unter ihnen war P.S. Krøyer, dessen Bilder von Menschen am Strand in der blauen Abendstunde zu nationalen Ikonen wurden, sowie das Ehepaar Anna und Michael Ancher. Anna Ancher, geboren und aufgewachsen in Skagen, gilt heute als eine der größten dänischen Malerinnen ihrer Zeit.
Ihr Erbe lässt sich im Skagens Museum erleben, das die weltweit größte Sammlung der Skagen-Maler beherbergt. In der Nähe steht Anchers Hus, das Heim des Malerpaares, erhalten wie es war — ein intimer Einblick in das Künstlerleben am Meer.
Die gelben Häuser und die versandete Kirche
Skagen erkennt man sofort an seinen gelben Häusern mit roten Ziegeldächern und weißen Giebelkanten — einem Baustil, der zum Markenzeichen der Stadt geworden ist. Der warme gelbe Farbton, Skagen-Gelb genannt, kehrt überall wieder und verleiht der Stadt ihr behagliches, einheitliches Leuchten.
Kurz außerhalb der Stadt steht eines der seltsamsten Monumente Dänemarks: die Versandete Kirche (Den Tilsandede Kirke). Diese mittelalterliche Kirche wurde im 18. Jahrhundert allmählich von Wanderdünen verschüttet, bis sich die Gemeinde zu jedem Gottesdienst hineingraben musste. 1795 gab man die Kirche auf, und heute ragt nur noch der weiß getünchte Turm aus dem Sand — der Rest liegt unter der Düne begraben. Es ist ein ergreifendes Zeugnis von der Macht des Sandes.
Råbjerg Mile — die wandernde Wüste
Zwischen Skagen und Frederikshavn liegt Råbjerg Mile, die größte Wanderdüne Nordeuropas. Sie bedeckt etwa einen Quadratkilometer und enthält bis zu vier Millionen Kubikmeter Sand. Die Düne steht nicht still: Sie bewegt sich jedes Jahr etwa 15 Meter nach Nordosten, getrieben von den vorherrschenden Westwinden, und wird in einigen hundert Jahren die Küste erreichen. Sie zu besteigen fühlt sich an wie ein Gang durch eine echte Wüste mitten in Dänemark — wellenförmig, windgepeitscht und erstaunlich still.
Fischereihafen, frischer Fisch und Strände
Trotz des Tourismus ist Skagen noch immer ein arbeitender Fischereihafen — einer der größten Dänemarks. Am Morgen wird der Fang angelandet, und entlang des Kais liegen Restaurants, in denen Krabben, Schollen und frischer Fisch direkt von den Kuttern auf den Teller kommen. Eine Portion frisch gekochter Skagen-Krabben mit Brot und einem kalten Bier am Kai ist der Sommer in seiner reinsten Form.
Rund um die Stadt erstrecken sich breite weiße Strände an beiden Küsten. Sønderstrand ist zum Baden beliebt, während die stillen Dünenstrände im Westen zu langen Spaziergängen einladen. Am Abend, wenn die Sonne ins Meer sinkt und das Skagen-Licht tiefgolden wird, versteht man, warum dieser Ort seit mehr als anderthalb Jahrhunderten Künstler verzaubert.