Der Dichter aus Odense
Hans Christian Andersen wurde am 2. April 1805 im bescheidenen Heim einer armen Familie in Odense auf der Insel Fünen geboren. Sein Vater war Schuhmacher, seine Mutter Waschfrau, und der Junge wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Dennoch wurde er zu einem der größten Namen der Weltliteratur. Als er am 4. August 1875 in Kopenhagen starb, waren seine Märchen bereits in unzählige Sprachen übersetzt; heute gibt es sie in mehr als 150 Sprachen – nur die Bibel ist in mehr übersetzt.
Andersen schrieb Romane, Reiseberichte und Theaterstücke, doch es sind seine Märchen, die ihn unsterblich machten. Sie tragen einen schlichten, mündlichen Ton, eine scharfe Menschenschilderung und eine Doppelbödigkeit, in der Kinder wie Erwachsene ihre eigene Sinnebene finden.
Die unsterblichen Märchen
Andersens Märchen gehören zu den beliebtesten Geschichten aller Zeiten. Zu den berühmtesten zählen:
- Die kleine Meerjungfrau (1837) – von der Nixe, die alles für die Liebe opfert
- Das hässliche Entlein (1843) – die Verwandlung vom Ausgestoßenen zum schönen Schwan
- Däumelinchen (1835) – das winzige Mädchen, nicht größer als ein Daumen
- Des Kaisers neue Kleider (1837) – über Eitelkeit und das Kind, das die Wahrheit sagt
- Das Mädchen mit den Schwefelhölzern (1845) – eine herzzerreißende Weihnachtsgeschichte
- Die Schneekönigin (1844) – das große Märchen von Kai und Gerda
Diese Geschichten wurden über Generationen erzählt, verfilmt und neu gedeutet, zuletzt von Disney, dessen Animationen unmittelbar auf Andersens Fantasie beruhen.
Das Museum in Odense
Im Jahr 2021 wurde das Hans-Christian-Andersen-Haus in Odense in völlig neuer Gestalt eröffnet. Das japanische Stararchitekturbüro unter Kengo Kuma entwarf ein labyrinthisches, halb unterirdisches Museum, in dem Gärten, Kreise und geschwungene Wände die Welt der Märchen spiegeln. Hier tritt man in das Universum des Dichters ein, statt nur Gegenstände hinter Glas zu betrachten. Das Museum ist zu einer der größten Attraktionen Fünens geworden.
Ganz in der Nähe steht Andersens Geburtshaus, das kleine Fachwerkhaus, in dem die Familie ab 1807 wohnte. Mit seinen niedrigen Decken und einfachen Stuben gibt es einen bewegenden Einblick in die Armut, aus der der Dichter hervorging.
Die Kleine Meerjungfrau in Kopenhagen
Kein Symbol Dänemarks ist bekannter als die Kleine Meerjungfrau (Den Lille Havfrue), die Bronzestatue auf einem Felsen an der Langelinie im Kopenhagener Hafen. Sie wurde vom Bildhauer Edvard Eriksen geschaffen und 1913 enthüllt, in Auftrag gegeben vom Brauer Carl Jacobsen, den ein Ballett nach Andersens Märchen bezaubert hatte. Die bescheidene, wehmütige Gestalt, die über das Wasser blickt, zieht jedes Jahr Millionen Besucher an und ist zu einem der meistfotografierten Denkmäler der Welt geworden.
Die Märchenschlösser
Dänemarks Schlösser fügen sich in das märchenhafte Bild. Auf Fünen erhebt sich Schloss Egeskov mitten in einem See – Europas besterhaltene Wasserburg, 1554 erbaut. Mit seinen Türmen, Spitzen und gepflegten Gärten wirkt es wie einer Andersen-Erzählung entsprungen.
Auf Seeland steht das prächtige Schloss Frederiksborg in Hillerød, im Renaissancestil unter Christian IV. zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts errichtet. Heute beherbergt es das Nationalhistorische Museum, und seine im Schlosssee gespiegelten Türme gehören zu den schönsten Nordeuropas.
Auf Andersens Spuren
Auf den Spuren von Hans Christian Andersen zu reisen heißt, durch die Seele Dänemarks selbst zu reisen. Von den kopfsteingepflasterten Gassen Odenses über die Türme der Märchenschlösser bis zum Felsen der Meerjungfrau am Hafen begegnet man überall der Fantasie, die einen armen Schusterjungen zu Weltruhm erhob. Andersens Erbe lebt fort – nicht nur in den Büchern, sondern im Bild Dänemarks als dem Land des Märchens selbst.